Gedanken zum Sonntag

Auf ein Wort!

Geduld und Mut -Die Arche Noah und unsere Normalisierung

Sonntag, 10.5.2020 (Kantate)

 

 

Menschen und Tiere auf der  Arche Noah sind dem Untergang in der Sintflut knapp entronnen (Bibeltext 1.Mose 8 s. Seite 8). Die Fluten haben alles weggerissen, Überleben war nur im Schutz der Arche möglich. Die Arche ist seitdem ein Symbol für einen Raum, in dem Menschen geborgen und vor dem Untergang geschützt sind.

 

Die Flut der Corona-Pandemie ist noch nicht abgelaufen, vielleicht hat sie in unserem Land vorerst ihren Gipfel gerade überschritten – das wissen wir erst im Nachhinein. Dem Eingepfercht Sein in den Wohnungen, Heimen und Einrichtungen könnte die Freiheit folgen: Dass wir wieder die Türen öffnen können, uns frei bewegen und allmählich auch wieder einander näher begegnen dürfen. Wie diese Öffnung am besten vor sich gehen soll, ohne dass eine zweite Pandemiewelle uns überrascht, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Wenn ich die Sintflutgeschichte lese, kommen mir ganz von selbst die Vergleiche mit der Gegenwart in den Sinn. Dort lesen wir: Der Wasserstand ist so weit gesunken, dass die Arche auf dem Berg Ararat aufsetzt. Leben außerhalb ist noch nicht möglich, aber es gibt endlich wieder fester Boden unter dem Schiff! Noch ist es zu früh, die Campingstühle und Badesachen herauszuholen.

Das Warten auf engem Raum wird belohnt, ist aber jetzt erst recht anstrengend: Wann ist es endlich verantwortbar, die Arche zu verlassen? Noah will nicht riskieren, dass die ganze gerettete Welt durch Ungeduld kurz vor dem Ziel doch noch untergeht – oder im heutigen Pandemiedeutsch gesagt: dass die zweite Welle nicht vernichtender wird als die erste.

Vielleicht gab es damals auch Unruhe unter den Menschen in der Arche. Vielleicht gab es nach scheinbar überstandener Gefahr genauso wie bei uns Verschwörungstheoretiker, die Noah vorwarfen, er hätte die Sintflutgeschichte nur erfunden, weil er alles kontrollieren und beherrschen wollte. Solche Stimmen gibt es heute, von ganz rechts und ganz links, unter Diktatoren und sogar einzelnen verirrten katholischen Bischöfen. Das muss man wohl aushalten, als „Budenkoller“ einordnen oder als Machtspiel, weil manche Leute ihre persönlichen Themen nicht mehr laut genug setzen können – aber man muss da auf keinen Fall mitmachen!

 

Noah ist vorsichtig. Nicht Geologen, Klimafor-scher, Meteorologen stehen ihm zur Verfügung, sondern nur  sein eigener gesunder Menschen-verstand. Und der sagt: „Vorsicht!“

Also schickt er einen Raben aus, der erkunden soll, ob es trockenes Land gibt, denn in der Ferne sind nur Berggipfel zu erahnen, nichts Verlässliches.

Dann startet Noah die zweite Versuchsreihe: Eine Taube fliegt aus und kehrt ergebnislos zurück. Und dann tagt das Sintflut-(Corona)-Kabinett alle 7 Tage und wartet ab: Der nächste Taubenversuch lässt hoffen: Den ganzen Tag ist sie unterwegs, es gab wohl viel zu entdecken. Einen Ölzweig bringt sie mit – Leben ist wieder möglich!
Doch immer mit der Ruhe! Eine weitere Woche wartet Noah: Vom nächsten Erkundungsflug kehrt die Taube gar nicht mehr zurück. Zum ersten Mal seit über 10 (!) Monaten ist es draußen besser als in der schützenden Arche. Endlich.

 

Raus aus der Arche. Das Land erkunden, sich wieder einrichten. Es wird nicht gleich alles sein wie vorher. Die „neue Normalität“: Wie wird sie aussehen?

Darüber schweigt die Bibel – aber über einen Punkt nicht: Dass Gott akzeptiert, dass die Menschen schuldig werden und „sündig von Jugend auf“. Die Vernichtung lässt er nie wieder über die Menschheit kommen. Katastrophen und Krisen: Die wird es geben. Aber nicht den totalen Untergang. Für den muss die Menschheit dann schon selber sorgen – und wird darin ja auch immer besser. Gott überlässt die Menschen ihrer eigenen Bosheit, schützt sie nicht mehr ständig vor sich selbst. Das nehmen ihm viele Menschen übel: Wie kann  Gott zulassen, dass Menschen einander und sich selbst derart Schreckliches antun? Gott nimmt den Eigensinn der Menschen ernst. Die Menschen als Gottes Ebenbild haben die Fähigkeit zur Freiheit, zur Entscheidung für Gut oder Böse, für Leben oder Tod. Das bleibt ihnen.

 

Sie sind begabte Wesen, von Gott selbst begabt! So begabt, dass sie mit den Wissenschaften Krankheiten und Pandemien bekämpfen können – aber auch sich gegenseitig vernichten.

Die Taube und der Rabe, die von der Arche zur Erkundung der Welt ausfliegen: Das sind heute die Fachleute, die uns zur Verfügung stehen. Sie sind nicht unfehlbar, aber begabt mit wichtigen Fähigkeiten und Erkenntnissen.

Damals wie heute gilt: Nicht Taube und Rabe, sondern Noah hat entschieden, wann die Arche ihre Luken für das neue Leben öffnet. Die Verantwortung liegt bei uns, wie wir mit unserem Leben und dem anderer Menschen umgehen.
Ungeduld ist dabei ein schlechter Ratgeber, will man nicht alles voreilig aufs Spiel setzen.

Mutlosigkeit und Angst sind aber auch schlechte Ratgeber: denn wer sich auf ewig in die Arche zurückzieht, wird eines Tages auch da verhungern.

 

Liebe Gemeinde,

die Arche Noah und unsere Pandemie: Da passt einiges zusammen, natürlich nicht alles. Vor allem aber wissen wir nicht, an welcher Stelle der Geschichte – bildlich gesprochen – wir uns gerade befinden: Fliegt noch der Rabe hin und her oder hat die Taube schon ein Ölblatt gebracht oder ist es an der Zeit, jetzt alle Türen aufzumachen und rauszugehen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Eine Rolle wird auf jeden Fall spielen, wie wir rausgehen. Es ist noch nicht alles wie früher. Die verbliebenen Wasser können immer noch abgrundtief sein. Bleiben wir also vorsichtig. Gehen wir vorsichtig raus, Schritt für Schritt.

Vorsichtig und geduldig.

Und mit dem Blick auf die Menschen und Nationen, die mit uns diese „Sintflut“ der Pandemie erleben. Gott hat uns unsere Kraft und Intelligenz gegeben, damit wir sie für das Leben nutzen. So mühsam es auch ist: Das gilt gerade für unsere jetzige Zeit.

An eine andere Katastrophe erinnern wir uns in diesen Tagen: Das „Dritte Reich“, den Weltkrieg und unendlich viel Leiden. Eine Geschichte von unermesslicher menschlicher Schuld, ein Untergang für viele und vieles. Und doch ist daraus ein Neuanfang geworden. Diesen Neuanfang dürfen wir nicht verspielen, auch jetzt nicht, diesen Aufbruch zum Miteinander der Menschen und Völker -  statt zum tödlichen Gegeneinander.

 

Besonnen, vorsichtig und mutig – das können wir als Christen sein. Denn wir leben im Vertrauen auf Gott, der im Regenbogen der Noahgeschichte und in Kreuz und Auferstehung Jesu uns zuspricht: „Fürchte dich nicht. Ich bin da.“

Bleiben Sie behutsam – und behütet.

Ihr    Pastor Tilman Heidrich

Hier findet ihr uns!

Im Dorfe 7 | Mörse | 38442 Wolfsburg

05362 2606

Landeskirche Logo.png